24H auf dem

Motorrad.

DER ZÜNDFUNKE.

MEIN WEG IN DEN MOTORSPORT.



TRACKSIDE STORY

TRACKSIDE STORY 01


german speedweek.

wo alles begann



Die German Speedweek war über viele Jahre das bedeutendste Motorrad-Langstreckenfestival Deutschlands. Rund um das legendäre 24-Stunden-Rennen von Oschersleben trafen Weltmeisterschaft, Werksteams und tausende Fans aufeinander. Für viele war sie ein Motorsportevent.

Für mich war sie der Anfang von allem.


Im August 2001 stand ich zum ersten Mal selbst an der Strecke.


Was als Wochenendausflug begann, entwickelte sich zu einer Reise, die mich später nach Le Mans, Brünn, Assen und in die Fahrerlager der Langstrecken-Weltmeisterschaft führen sollte.


Entstanden ist die German Speedweek Ende der 1990er-Jahre rund um das legendäre 24-Stunden-Rennen von Oschersleben, das ab 1999 Teil der FIM Endurance World Championship (EWC) wurde.


Damit wurde die German Speedweek weit mehr als nur eine Rennveranstaltung: Sie entwickelte sich zu einem Treffpunkt der europäischen Motorradszene und gilt bis heute als eines der prägendsten Kapitel der deutschen Motorrad-Rennsportgeschichte.


the atmosphere

frame by frame.

"Die Anzeige"


Beim Durchblättern der Zeitschrift Motorrad blieb mein Blick an einer ganzseitigen Anzeige für ein 24-Stunden-Motorradrennen in Deutschland hängen. Mein Interesse war sofort geweckt: ein 24-Stunden-Rennen, BMW Boxer Cup, Supermoto-Wettbewerbe, Stuntshows und historische Rennmotorräder – alles vereint in einer einzigen Veranstaltung. Für mich stand sofort fest: Da muss ich hin. Noch am selben Abend besprach ich die Idee mit meinen Freunden. Die Entscheidung fiel schnell. Alle waren begeistert und sofort dabei.


Zu den Sponsoren der Veranstaltung gehörte Shell. Das Unternehmen bot mit dem „Shell Advance Biker Camp“ ein attraktives Paket für Motorradfans an: vier Tage Eintritt für zwei Personen, Campingplatz, ein Shell-Zelt sowie eine Welcome Bag – für 200 D-Mark. Gebucht.

Worauf wir uns da eingelassen hatten, wussten wir allerdings nicht. Man darf nicht vergessen: Wir schreiben das Jahr 2001. Social Media? Gab es praktisch nicht. YouTube? Noch nicht erfunden. Smartphones? Ebenfalls Fehlanzeige. Die Spannung und Vorfreude waren deshalb umso größer. Was würde uns erwarten?


Auch die Anreise versprach Abenteuer. Die heutige Autobahn A14 existierte damals noch nicht. Querfeldein lautete die Devise. Navigation? Fehlanzeige. Sena-Headsets? Unbekannt. Es war klar: Das würde ein echtes Abenteuer werden.


"dAS WOCHENENDE"


Am 9. August 2001 war es schließlich soweit. Wir setzten uns auf unsere Motorräder und brachen über die A9 in Richtung Magdeburg auf. Michael, unser „Servicemobil“, besaß keinen Motorradführerschein und transportierte deshalb Grill, Fleisch, Getränke, Kohle und alles andere, was wir nicht auf den Motorrädern mitnehmen konnten.


Nach rund fünf Stunden Fahrt über Autobahn, Landstraßen und durch die ländliche Magdeburger Börde erreichten wir unser Ziel. Als am Horizont die Silhouette des Fahrerlagergebäudes mit seinen wehenden Fahnen auftauchte, war klar: Hier ist etwas Großes los. Die Zahl der Motorradfahrer auf den Straßen nahm stetig zu. Je näher wir dem Motopark kamen, desto stärker veränderte sich die Geräuschkulisse. Die ersten Fahrer waren bereits zum Training auf der Strecke.


Am Motopark angekommen, war zunächst Geduld gefragt. Vor der Anmeldung des Shell Camps hatte sich eine lange Schlange gebildet. Wir waren offensichtlich nicht die Einzigen mit dieser Idee. Wie lange wir warten mussten, weiß ich heute nicht mehr. Ich erinnere mich nur daran, dass es eine ganze Weile dauerte.


Als wir schließlich an der Reihe waren, nahmen wir Zelt und Welcome Bag entgegen, suchten uns einen Platz, bauten das Zelt auf – und machten uns sofort auf den Weg zur Rennstrecke.

Unser erster Weg führte direkt ins Fahrerlager. An der letzten Kontrolle zeigte ich meine Eintrittskarte vor.


"Plötzlich stand ich mittendrin."


Große Team-Trucks der Weltmeisterschaftsteams standen neben den Transportern kleiner Privatteams, die sich der Herausforderung eines 24-Stunden-Rennens stellen wollten. Fans, wohin das Auge blickte. Kein Wunder, denn das Fahrerlager war für Besucher geöffnet.

Viele Teams ließen die hinteren Tore ihrer Boxen offen, sodass man direkt hineinsehen konnte. Boxenstopps aus nächster Nähe beobachten, mit Mechanikern ins Gespräch kommen oder den Teams bei der Arbeit zusehen – für einen Motorsportfan schien hier alles möglich zu sein.

Das gesamte Geschehen faszinierte mich vom ersten Moment an und zog mich unmittelbar in seinen Bann. Wohin mich diese Faszination noch führen würde, konnte ich damals allerdings nicht ahnen.


Von der erhöht gelegenen Infield-Zone, auf der sich die Haupttribüne, die Hasseröder-Tribüne und die Party Area befanden, hatte man einen perfekten Überblick über die Strecke. Kaum ein Abschnitt blieb verborgen. Meine Kamera – damals selbstverständlich noch analog, denn Digitalkameras waren für die meisten unbezahlbar – war im Dauereinsatz. Ich wollte jeden Moment festhalten, Erinnerungen schaffen und mit nach Hause nehmen.


Die Pressefotografen verfügten damals über die ersten Digitalkameras mit vier Megapixeln. Rund 12.000 D-Mark kosteten diese Modelle – ohne Objektiv. Für mich unvorstellbar. Das hielt mich jedoch nicht davon ab, Film für Film zu verknipsen. Ob Supermoto-Rennen auf der Kartbahn im Fahrerlager, Seitenwagen-Cup, BMW Boxer Cup oder das lang ersehnte 24-Stunden-Weltmeisterschaftsrennen – ich wollte alles dokumentieren. Am Abend vor dem Rennen beobachteten wir von der Haupttribüne aus die Teams beim Boxenstopptraining. Reifenwechsel und Tanken in nur 20 bis 30 Sekunden – fast wie in der Formel 1. Wahnsinn.

Mein erster Gedanke war: Da muss ich näher ran. Detailaufnahmen wären fantastisch.


"Endlich - Raceday"


Auch bei uns machte sich Nervosität breit. Wir verfolgten das Warm-up am Morgen, die Support-Rennen und genossen noch einmal die besondere Atmosphäre des Infields. Dann war es soweit. Die Motorräder rollten zur Einführungsrunde und nahmen anschließend ihre Startpositionen auf der Start- und Zielgeraden ein. Auf dem Grid herrschte geschäftiges Treiben. Wie großartig wäre es gewesen, jetzt dort unten zu stehen und alles aus nächster Nähe zu erleben, dachte ich.

Dabei fielen mir erstmals die Pressefotografen auf. Mit ihren weißen Leibchen, auf denen das Motopark-Logo, eine Nummer und der Schriftzug „Photo/TV“ prangten, stachen sie deutlich hervor. „So eins brauche ich auch“, sagte ich scherzhaft zu meinen Freunden.


Dass dieser Wunsch nur ein Jahr später Realität werden würde, ahnte ich damals nicht.


Langsam leerte sich die Startaufstellung. Die Marshals gingen mit Trillerpfeifen und „5 Min“-Schildern durch die Reihen. Alle mussten die Strecke verlassen – bis auf einen Mechaniker pro Motorrad. Nun verstand ich auch, was ein Le-Mans-Start ist. Die Fahrer standen auf der gegenüberliegenden Seite der Strecke. Nach dem Startsignal sprinteten sie zu ihren Motorrädern, starteten die Motoren und machten sich auf die Jagd nach möglichst vielen Rennrunden innerhalb von 24 Stunden. Wieder fiel mir auf: Auch die Fotografen durften bleiben. In sicherem Abstand standen sie hinter den Fahrern, die Kameras bereits im Anschlag. Was musste das für ein Gefühl sein?


Die letzten Sekunden liefen herunter. Die Zuschauer auf der Haupttribüne zählten gemeinsam mit dem Streckensprecher: „Fünf, vier, drei, zwei, eins!“ Rennleiter Ottmar Bange schwenkte die German-Speedweek-Flagge und brachte sich in Sicherheit. Das Rennen begann.

Rund 60 Motorräder starteten nahezu gleichzeitig ihre Motoren. Die Zuschauer jubelten, und schon vor der ersten Kurve wurde mit Vollgas um die besten Positionen gekämpft.

Die Geräuschkulisse war unbeschreiblich. Pure Gänsehaut. Packend. Intensiv.


"Was für ein Erlebnis!"


Während der folgenden 24 Stunden legte ich unzählige Kilometer zu Fuß zurück. Von einem Fotospot zum nächsten, vom Fahrerlager zur Haupttribüne, von dort zum Campingplatz – und wieder zurück. Vor dem Race Tower, in dem sich auch das Media Center befand, begegnete ich immer wieder professionellen Fotografen. Von deren Ausrüstung konnte ich damals nur träumen. Mit einigen von ihnen sollte ich in den folgenden Jahren jedoch enge Kontakte knüpfen. Martin Gelder, der Webmaster und Fotograf von Octagon Motorsports sollte ein Jahr später mein Mentor werden.


Die nächtliche Boxengasse faszinierte mich besonders: beleuchtete Zeitnahmestände, hektische Boxenstopps und die Dramatik, wenn nach einem Sturz beschädigte Motorräder zurück in die Box geschoben wurden. Genauso beeindruckend waren die Momente, wenn ein repariertes Motorrad unter dem Jubel des gesamten Teams wieder auf die Strecke zurückkehrte.

Emotionen pur. Fesselnd. Faszinierend.


Wieder zu Hause angekommen und noch immer überwältigt von den Eindrücken des Wochenendes, setzte ich mich an den Computer. Es musste doch Berichte über die Langstrecken-Weltmeisterschaft im Internet geben. Gab es auch – allerdings fast ausschließlich auf Englisch. Für die deutschsprachige Motorradszene existierte praktisch nichts.

Genau in diesem Moment wurde die Idee geboren, aus der später JR Trackshot entstehen sollte.


„Dann mache ich es eben selbst.“


Es sollte noch etwa ein viertel Jahr dauern, bis ich wusste, wie. Wie erstellt man eine Website? Woher bekommt man eine Domain? Wie soll die Seite heißen? Schließlich entschied ich mich für den Namen „Paddock-News Racing Magazin“. Mit der fertigen Website kontaktierte ich einige Monate später den Rechteinhaber der Endurance FIM World Championship. Ich stellte meine Idee vor, erläuterte mein Konzept und bat um die Erlaubnis, das Logo der Meisterschaft für meine Berichterstattung verwenden zu dürfen. Mit einer Antwort habe ich tatsächlich nicht gerechent.


Doch daraus entwickelte sich weit mehr, als ich mir jemals hätte vorstellen können.

Nach mehreren E-Mails zwischen Vittorio Gargiulo von Octagon Motorsports und mir erhielt ich ein Angebot: eine permanente Medienakkreditierung für sämtliche Rennen der Saison 2002.

Ich konnte es kaum glauben.


Monate später – ich hatte bereits nicht mehr damit gerechnet – klingelte eines Tages ein FedEx-Kurier an meiner Haustür. Es muss im Februar oder März 2002 gewesen sein.

Er überreichte mir einen etwas dickeren Umschlag. Der Absender: Octagon Motorsports.

Als ich den Umschlag öffnete, wurde aus einem Traum Realität.


Darin befand sich mein persönliches „Sesam öffne dich“: ein Endurance FIM World Championship Track Pass. Die höchste Akkreditierungskategorie. Sie gewährte Zugang zu nahezu allen Bereichen der Rennstrecke, einschließlich der Service Roads entlang des Kurses. Zusätzlich lag ein Fahrerlager-Parkausweis für die gesamte Saison 2002 und ein kleines Büchlein, der offizielle Media-Guide mit allen Informationen zu den Teams der kommenden Saison bei.


Vor wenigen Monaten hatte ich noch auf der Tribüne gestanden. Ich blickte hinunter auf die Boxengasse, die Startaufstellung und das Renngeschehen und stellte mir vor, wie es wohl sein würde, dort unten selbst zu fotografieren.


Nun hielt ich ihn in den Händen.


Meinen Pass.


Den Pass, der mir plötzlich Türen öffnete, die wenige Monate zuvor noch unerreichbar schienen. Auf einmal gehörte ich dazu. Ich, der Hobbyfotograf. Der Betreiber einer kleinen Website. Kein Journalist, kein Profi – einfach jemand, der von diesem Sport begeistert war und darüber berichten wollte. Es war ein Gefühl, das sich kaum beschreiben lässt. Und eines, das auch mehr als zwei Jahrzehnte später noch genauso präsent ist.


Was mit einem Rennwochenende in Oschersleben begann, wurde zunächst zu Paddock-News. Aus Paddock-News entstand viele Jahre später JR Trackshot.


Wenn ich heute auf über zwanzig Jahre Motorsport zurückblicke, führt die Spur immer wieder zu diesem Wochenende im August 2001 zurück.


Dorthin, wo alles begann.




Jörg Russ | JR Trackshot

TRACKSIDE STORY 01
Der Zündfunke


Wie ein Rennwochenende den Grundstein für JR Trackshot legte.


TRACKSIDE STORY 02 - 24H Grüne Hölle